In einem kleinen Dorf stand ein Glockenturm, der gern laut läutete.
Seine Glocke weckte Tauben, lief durch die Gassen, ließ Fenster zittern und verkündete allen die Stunden.
Eines Abends setzte sich Ninnò, die Eule, neben sie.
„Kannst du auch flüstern?“
Die Glocke staunte. „Eine Glocke flüstert nicht. Sie läutet.“
„Versuch es“, sagte die Eule. „Die Nacht hat kleine Ohren.“
Die Glocke atmete. Statt eines großen Donn ließ sie einen leichten Ton hinaus, fast wie einen Atemzug.
Dong...
Das Dorf erschrak nicht. Die Kinder wachten nicht auf. Aber eine alte Frau, die sich einsam fühlte, hob den Kopf und lächelte. Eine Katze auf einem Dach streckte sich. Eine Mutter neben einer Wiege spürte, dass die Nacht sanfter wurde.
Die Glocke verstand, dass ihr kleiner Ton dort angekommen war, wo ein lauter gestört hätte.
Seit diesem Abend läutete sie weiterhin laut, wenn es nötig war. Doch zur Ruhezeit lernte sie die Sprache des Flüsterns.
Ninnò sagte: „Der richtige Klang ist nicht immer der größte. Es ist der, der respektiert, was er berührt.“
Und der Glockenturm unter dem indigoblauen Himmel wurde nicht nur Wächter der Zeit, sondern auch Wächter der Stille.
