In einem alten Hof stand ein Brunnen aus Stein.
Er war mit einem Gitter bedeckt und von Minztöpfen umgeben. Die Kinder liefen oft an ihm vorbei, aber der Brunnen blieb still.
Eines Abends näherte sich Pietro ganz leise.
Er warf keinen Stein hinein. Er rief nicht, um das Echo zu hören. Er legte nur die Hand auf den kühlen Stein.
Da sprach der Brunnen.
Sehr leise.
„Es war einmal ein Regentropfen...“
Pietro hielt den Atem an. Die Stimme stieg aus der Tiefe wie langsames Wasser. Sie erzählte von Wolken, Wurzeln, alten Eimern und Händen, die früher am Seil gezogen hatten.
Am nächsten Tag kam Pietro mit seinem Cousin zurück. Der Cousin rief: „Brunnen! Erzähl!“
Nichts.
Pietro flüsterte: „Man muss sanft fragen.“
Sie setzten sich. Sie warteten. Schließlich setzte der Brunnen seine Geschichte fort, Stück für Stück.
Pietro verstand, dass tiefe Dinge nicht sprechen, wenn man sie schüttelt. Sie sprechen, wenn man ihnen Zeit gibt.
Seitdem hörte er auch Menschen so zu: ohne zu unterbrechen, ohne die Worte zu schnell herauszuziehen, ohne Steine in ihr Schweigen zu werfen.
Der Brunnen erzählte weiter. Nicht jeden Abend. Nicht jedem.
Doch wer sich mit Respekt näherte, bekam frische Geschichten geschenkt, die von weit unten aus der Erde kamen.
