In einem Hof auf dem Land, neben einer Steinmauer, stand ein alter Krug.
Er war groß, braun und innen kühl. Wenn es regnete, öffnete er seinen runden Mund und sammelte die Tropfen.
Lina betrachtete ihn neugierig.
„Warum bewahrst du Regen auf? Wenn es regnet, ist er doch überall.“
Der Krug antwortete mit einer Stimme aus Terrakotta: „Weil nicht alle Tage gleich sind.“
Lina zuckte mit den Schultern. Sie mochte Pfützen, Stiefel und Spritzer lieber.
Dann kam eine Woche starker Sonne. Die Minzblätter neigten sich. Das Basilikum verlor etwas Mut. Die Erde wurde trocken.
Der Krug rief Lina.
„Jetzt öffne den kleinen Hahn.“
Das Wasser floss langsam in die Gießkanne. Es roch nach altem Regen, Stein und Himmel. Lina goss die Pflanzen, ein wenig für jede. Die Blätter richteten sich auf.
„Du hast Hilfe für später aufgehoben“, sagte sie.
„Ja. Bewahren heißt nicht stehlen. Es heißt, für die Zeit zu sorgen.“
Seitdem lernte Lina, manche Dinge respektvoll aufzubewahren: Samen, eine wichtige Geschichte, eine Münze für Brot, eine süße Erinnerung für einen traurigen Tag.
Der Krug sammelte weiter Regen, geduldig, denn jeder Tropfen hatte seinen Augenblick.
